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In Übereinstimmung mit einem tieferen Sein
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Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Andrei Rublev [2 DVDs] [UK Import] (DVD) Was ist ein Film? Er ist ein Mosaik, gemacht aus Zeit."
Andrei Tarkovsky
Schönheit, das ist eine Vorstellung, die sich erweitert. Die Erinnerung ist ein Spiegel oder ein angehaltenes Filmbild. Die Erinnerung an einen Film kann in einigen wenigen Fällen eine noch intensivere Erfahrung sein, als diejenige ihn anzusehen. Ich kann es nicht erklären, aber ich finde es immer wieder rätselhaft wie bestimmte Filme auf einen warten. Es ist wie mit Träumen, die uns in erstaunlicher Regelmäßigkeit an die selben Orte führen. Und jedes mal ist es, als ob wir auch zurück geführt würden an den Ort unserer Geburt. Es ist ein Gefühl von Ewigkeit und Unbegrenztheit, welches sich so auf uns überträgt. Die erinnerte Zeit ist die historische Zeit, aber nicht die seelische Zeit. Diese ist es aber, mit der uns etwa die Filme von Tarkovsky konfrontieren. Sie handeln von der Fähigkeit der Erinnerung unter die von der Zeit ausgebreitete Decke vorzustoßen. Deswegen wird in Andrei Rublev auch die Historie, wie in keinem anderen Film, zur Gegenwart. Dies hat mit einer bestimmten Integration der Kamera in das von ihr aufgenommene Geschehen zu tun.
Aber Andrei Rublev, aus dem Jahre 1966, uraufgeführt 1969, erschließt sich erst wirklich aus dem Gesamtwerk des Filmemachers. Deswegen zunächst einige Notizen dazu:
Dostojevski erkannte, dass die Frage, was eine authentische Geschichte ausmachen könnte, nicht von der Frage getrennt werden könne, was ein Mensch zu sein vermag. Das Werk von Tarkovsky zeichnet sich dadurch aus, diese Erkenntnis sehr lebendig in die Gegenwart hineingetragen zu haben.
Erst in seinem Film Spiegel (1974) kann ein Junge eintreten in seinen Traum - und gleichzeitig in seine Erinnerung - und es ist das pure Glück von Unschuld und reiner Gegenwart was ihn dort erwartet. Diese Szene ist mit mir jederzeit: Wo der Wind ansetzt und der Junge in den Traum von der Vergangenheit eintreten möchte. Aber die Tür zum Haus seiner Erinnerung - dem Haus in dem er geboren wurde - bekommt er nicht auf. Ein Hund wird sie aufstoßen, nachdem er weggegangen ist.
Tarkowsky: "Im Film basiert das Bild auf der Fähigkeit, die eigene Empfindung eines Objektes als Beobachtung auszugeben. (...) Das Wichtigste ist, dass der Schauspieler entsprechend seiner psycho-physischen emotionalen und intellektuellen Struktur einen nur ihm selbst eigenen seelischen Zustand zum Ausdruck bringt, in einer Form, die nur ihm eigen ist. Auf welche Weise er das tut, ist egal. (...) Kennt der Zuschauer die Gründe nicht, die einen Regisseur dazu bewegen, dieses oder jenes Verfahren einzusetzen, dann ist er bereit, an die Realität des auf der Leinwand gezeigten Vorgangs zu glauben."
Tarkowsky bedient sich in seinen Filmen oft der Struktur der nachträglichen kindlichen Psychoanalyse. Die Schießstand-Szene in dem Film Spiegel ist vielleicht das Schönste was in dieser Art je gedreht wurde, weil - wie Bergman einmal sagte - Tarkowsky der einzige Filmemacher ist, der weiß das das Leben ein Traum ist, und dies auch zeigen kann.
Ich maß die Zeit durch einen Spaziergang quer durch die Welt/ Ich wählte mir mein Alter je nach meinem jeweiligen Geschmack
Im Spiegel werden zwei analoge Wahrnehmungsweisen der Vergangenheit (die des Erzählers und die seiner Mutter) miteinander konfrontiert. Es ist diese lebendige Konfrontation verschiedener Wahrnehmungsweisen, die auch einen Film wie Andrei Rublev auszeichnet. (Zu dem mich meine Mutter freundlicher Weise ins Kino mitnahm, als ich noch fast ein Kind war.)
Für Tarkowsky liefert das Drehbuch lediglich einen Denkanstoß. Proust gibt eine wunderbare Erklärung dafür, warum wir kreativ werden: Um uns von belastenden Eindrücken zu befreien. Indem er die Kirchtürme von Marinville beschreibt spürt er, dass die Zeichen ihn vollkommen von diesen Kirchtürmen und von dem, was sich hinter ihnen verbarg, zu befreien vermochten. Er schrieb aus Begeisterung und um sein Bewusstsein zu entlasten. Es ist genau diese Mischung aus Begeisterung und Belastung die zum kreativen Akt treibt, und die in jedem Moment eines Tarkowsky Filmes durchscheint. Es geht in diesen Filmen um eine Geisterbeschwörung der anderen Art. Sein Film Stalker liefert dann auch eine Externalisierung dessen, wie Kunst überhaupt auf einen Betrachter wirkt. Aber hören wir Tarkowsky selbst dazu: "Ich werde oft gefragt was die Zone in Stalker bedeutet. Es gibt nur eine mögliche Antwort: Die Zone existiert nicht. Stalker hat seine Zone selbst erfunden. Er hat sie kreiert, um ein paar sehr unglückliche Menschen dorthin bringen und ihnen die Idee der Hoffnung einpflanzen zu können. Auch der Raum der Wünsche ist Stalkers Schöpfung, eine weitere Provokation im Angesicht der materiellen Welt. Dies Provokation, die in Stalkers Denken gereift ist, korrespondiert einem Akt des Glaubens."
Die beiden Meisterwerke Solaris und Stalker bilden noch eine Aufspaltung. Jene zwischen Mittelalter und Neuzeit, die schon im Andrei Rublev zum Vorschein trat. Der Türspalt, durch den ein erstes Licht herein fällt, ist "Solaris", aber erst wenn der Mensch über den Sog des unbewussten Wunschlebens hinaus geht, für den der Planet Solaris steht, kann der Türrahmen eingerissen werden, und der Raum der Wünsche betreten werden, den nur der Stalker betritt, und nicht die beiden Wissenschafter, die ihn begleiten.
In Nostalghia und Opfer ist es dann jeweils eine Geste des spontanen Tuns, ein einfaches es tun - etwas was nicht durch den rationalen Verstand getrübt ist, oder durch vernünftige Überlegungen gedeckt ist - die dazu führen soll, dass uns der unmittelbare Glauben wieder gegeben wird und wir erlöst werden von der modernen geistigen Krankheit der Zivilisation. Nur eine Bohnensuche, eine völlig sinnlose und irrationale Tat, kann das tiefe Wissen im Menschen wecken und so den tiefen Sinn des Universums offenbaren. Denn mit einer solchen spontanen Tat befreit sich der Mensch aus der ihm von der Gesellschaft vorgezeichneten Bahn, wird zu dem, der er wirklich ist und erkennt sich und so die Welt, als das was sie wirklich ist.
Tarkowskys Filme sind Ausdruck dieser völlig freien Tat, die in Übereinstimmung mit einem tieferen Sein vollführt wird.
In einer eben solchen Tat gipfelte aber halt auch schon die Reise des Films Andrei Rublev. Nachdem wir dem russischen Ikonen-Maler Andrei Rublev (1360-1420) und seinen wechselnden Begleitern auf deren Streifzügen durchs Russland des Mittelalters gefolgt sind und dadurch einen Einblick in die Gepflogenheiten und Rituale der Zeit erhalten haben, werden wir zu Zeugen eines grausamen Überfalls von Tataren auf ein Dorf. Schließlich ist es kein Geistlicher oder Künstler, der all dem Wahnsinn seiner Zeit etwas entgegenzusetzen vermag, sondern ein Junge, der durch einen Akt des blinden Glaubens einen Ort für die Herstellung einer großen Glocke findet. (Er zieht zunächst an einer langen Wurzel, die immer mehr Boden aufwühlt, und erblick auf eimal den majestätischen Baum, zu dem diese gehört.)
Das Ungewöhnlichste an diesem Film ist dabei aber vielleicht Folgendes: Er funktioniert auf so viele Weisen auf einmal für den Betrachter, dass man eigentlich nie genau weiß, was man da eigentlich gerade erzählt bekommt: Zunächst ist dies natürlich ein Film über einen Ikonen-Maler auf der Suche nach Inspiration für sein Werk und spiritueller Erleuchtung. Dann ist dies aber auch eine Studie darüber, wieso es so wichtig ist für einen Künstler ein objektiver außenstehender Betrachter der Welt um sich herum zu bleiben, und nicht in die alltäglichen Reibereien seiner Mitmenschen hineingezogen zu werden. Damit hängt zusammen, dass der Künstler auch nie wirklich von der Gesellschaft um ihn herum akzeptiert werden kann, wenn er sich nicht ganz seinem Auftrage widmet, sein von Gott gegebenes Talent auch dafür zu benutzen Gottes Werke auszuführen.
Gleichzeitig ist dies aber auch ein Portrait einer ganzen Zeitepoche und Kultur mit all ihren inneren Konflikten und Herausforderungen dargestellt durch eine nur leicht miteinander verbunden Serie von sich aufeinander frei beziehender Tableaus. Und hier liegt auch das Geheimnis der ungeheuren Kraft dieses Filmes verborgen: Denn in diesen Tableaus, die wie sieben Kapitel aufeinander folgen, spiegelt sich das Motiv von einzelnen Ikonen -Bildern in der Erzähl-Struktur. Die heilige Zahl 7 bildet zugleich die Hälfte der Zahl 14, der Anzahl der Bilder, die die Passion Christi von seiner Verurteilung bis zur Kreuzigung üblicher Weise darstellen. Innerhalb des Film ist diese Kreuzigung wiederum eingebettet wie eine Vision: Als Darstellung innerhalb der Darstellung und als szenisches Geschehen am Rande der erzählten Handlung, irgendwo sich jederzeit ereignend, halb verdeckt vom Schneetreiben.
Tarkowsky filmt manchmal mit leichter Zeitlupe, die der Betrachter nicht gleich mitbekommt. Es ist so, als würde sein Blick jederzeit nach einer weltweit bloß verschütteten Spiritualität suchen. Es geht im Werk von Tarkowsky tatsächlich darum, die Grenze zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten offen zu legen. Das Unbewusste maximal für das Bewusstsein brauchbar zu machen. Exemplarisch steht dafür nicht nur die leichte Zeitlupe, sondern vor allem auch das filmische Mittel der Überblendung. Denn wo die eine Realitätsschicht sich schließlich öffnet für alle... Lesen Sie weiter... ›
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 11. März 2010 | | | | | | | |
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